Callad
von Edhelviel » Fr 20. Jun 2008, 13:58
Wer und wie seine Eltern waren, daran vermag Callad sich nicht mehr zu erinnern! Denn als die Piraten nachts das kleine Küstendorf, in dem er friedlich mit seinen Eltern lebte, überfielen, alles brandschatzten, die älteren Männer grausam verstümmelten oder erschlugen, ihre Frauen vergewaltigten und sie im Anschluss daran bei lebendigem Leibe in ihren Hütten verbrannten, als sie die jüngeren Männer und Frauen gefangen nahmen, um sie später als Sklaven an noch grausamere Herren zu verkaufen, da war Callad noch sehr jung.
Lange Jahre, er weiß nicht mehr wie viele es waren, nannte Callad eine dunkle nasskalte Zelle in einem feuchten Kellergewölbe sein zu Hause. Er schlief auf alten dreckigen Lumpen, die er sich am Tage bei seinen niederen Arbeiten zusammenklaubte. Überhaupt war es seine Aufgabe, den faulig-stinkigen Unrat und den Dreck der ausschweifenden allabendlichen Gelage zu entsorgen, die Latrinen zu säubern und wenn er sich nicht von den teilweise verfaulten Abfällen und den Resten der Speisen aus den Gelagen ernährt hätte, hätte er wohl nie so lange überlebt. So wuchs Callad heran: getreten, geschlagen, angespien und zur Belustigung seines Herrn gefoltert – die tiefen Narben auf seinem Körper zeugen von den schrecklichen Dingen, die ihm in all den Jahren widerfahren sind – und allein sein Glaube daran, dass ihm eine Gottheit wohl gesonnen sein musste - wie sonst könnte man erklären, dass er noch lebte – ließ ihn in dieser dunklen Zeit nicht verzagen und aufgeben – nein, er wollte leben, er wollte überleben!
Die Jahre vergingen und Callad erschlich sich immer mehr das Vertrauen seines durch Alkohol und Alter geistig immer labiler werdenden Herren, der ihn damit beauftragte, die Bastarde, die durch seine Wolllust und Unbeherrschtheit gezeugt wurden, zu töten und das Problem somit aus der Welt zu schaffen. Doch Callad gehorchte seinem Herrn nicht – nein, er würde niemals einem intelligenten, fühlenden und unschuldigen Lebewesen Leid zufügen, schon gar keinem Kind – stattdessen verhalf er den betroffenen Müttern zur Flucht oder stahl das Kind und platzierte es vor Klöstern, Kirchen oder in der Nähe von Rastplätzen des wandernden Volkes.
Eines Tages jedoch wurde sein Herr misstrauisch und ließ ihn von einem getreuen Gefolgsmann auf seinen nächtlichen Aktivitäten beschatten. Wie durch eine göttliche Eingabe bemerkte Callad seinen Verfolger - er hatte ihn weder gehört oder gesehen noch gerochen oder sonst wie mit seinen anderen Sinnen erkannt, nein, er wusste vom einen auf den anderen Augenblick, dass etwas nicht stimmte, dass er beobachtet und verfolgt wurde, dass da jemand war, der eine Bedrohung darstellte. Im gleichen Augenblick wurde die Tür der kleinen verfallenen Hütte, in deren teilweise verfallenen Anbau einstmals eine kleine Schmiede gewesen war, eingetreten. Eine große dunkle Gestalt betrat den spärlich beleuchteten Raum in der einen Hand einen Dolch, in der anderen eine stachelbewährte Peitsche. Sofort griff die dunkle Gestalt an, blitzschnell stieß die Hand mit dem Dolch auf Callad zu, dieser konnte dem ersten Angriff mit knapper Not durch einen beherzten Sprung in Richtung des Durchgangs zum Anbau der Hütte hin entkommen. Doch dann durchzuckte ihn ein stechender Schmerz, als ihn die Peitsche seines Widersachers quer über die rechte Gesichtshälfte fuhr. Sein Gesicht brannte wie Feuer und eine warme Flüssigkeit lief über seine rechte Wange, den Hals hinab und durchtränkte seine Lumpen. Der Angreifer setzte nach, und trat Callad mit seinem Stiefel mit solcher Wucht in den Unterleib, dass dieser quer durch den Nebenraum flog, um dann benommen liegen zu bleiben.
Vage, als ob er in weiter ferne wäre, nahm er wahr, wie sein Verfolger sich über die kreischende Mutter und deren Kind hermachte, der Mutter mit einem schnellen Hieb des Dolches die Kehle durchschnitt und dann dem Säugling die Klinge in die Brust stach, so dass beide, Mutter und Kind, mit einem Male verstummten und nur noch gurgelnde Geräusche aus dem Nebenzimmer kamen.
Unbändige Wut durchströmte Callad bei diesem Anblick – etwas Übermenschliches verlieh ihm die Kraft sich aufzurappeln, in seinem Zorn griff er nach dem nächstbesten Gegenstand, den er finden konnte und der sich als Waffe eignete und rannte wutschnaubend gegen seinen Widersacher. Dieser hatte nicht so schnell damit gerechnet, dass Callad wieder zu sich kommt und konnte nur mit knapper Not dem ersten Schlag ausweichen. Sofort setzte Callad nach, holte mit noch mehr Wut aus und schlug mit seinem ganzen Zorn nach dem Mörder und zertrümmerte ihm die linke Kniescheibe. Vor Schmerzen schreiend ging sein Gegner zu Boden und das letzte, was er in seinem kläglichen Leben zu hören bekam, bevor Callad ihm seinen Schädel mit einem gewaltigen Hammerhieb einschlug, waren die Worte: „Du und deines Gleichen werden keinem unschuldigen Lebewesen jemals wieder ein Leid zufügen!“
In seiner Trauer und von Schuldgefühlen, versagt zu haben, geplagt begrub Callad die Leichen der beiden unschuldigen Opfer und bat die Göttern, zu denen diese armen Seelen beteten, ihrer gnädig zu sein.
Dann ging Callad zurück zu dem toten Meuchelmörder, und nahm die Kette mit dem Wappen seines verfluchten Herrn an sich und schwor bei allen Göttern, zurückzukehren und diesem Monster eines Tages den gar aus zu machen.
Schwer verletzt wankte Callad quer durch den Wald um dann in einem kleinen Bach dessen Verlauf zu folgen – er hatte einmal gehört, wie sich die Schergen seines ehemaligen tyrannischen Herren darüber unterhielten, dass Hunde einer Spur nicht mehr folgen könnten, wenn der Verfolgte durch Wasser lief. Callad lief und lief - nur weg von diesem grausamen Ort der Qual, Pein und Trauer.
Heute vermag er nicht mehr zu sagen, in welche Richtung und wie lange er so dahinmarschierte bis ihn die Ohnmacht umfing und er, einige Tage später so schien es ihm, in der Kirche eines Klerikerordens wieder zu sich kam. Endlich war er zu Hause, das spürte er…